Ein Mecklenburg-Schweriner Militär: Der Major Helmuth von Moltke

Major Helmuth von Moltke Aquarell von Erna Keubke nach einer zeitgenössischen Vorlage, 24 x 30 cm

1812 wurden viele Familien in beiden mecklenburgischen Ländern in einem bislang nicht gekannten Maße in die Schrecken eines Krieges gestürzt. Im Mai 1812 hatte Kaiser Napoleon I. die für den Krieg gegen Rußland vorgesehene Armee versammelt, um militärisch die Kontinentalsperre gegen Großbritannien auch dort durchzusetzen.

In dieser gewaltigen und schließlich doch nicht ausreichenden Streitmacht aus nahezu allen europäischen Nationen mußten auch mecklenburgische Soldaten dienen. Im Mecklenburg-Schweriner Kontingent-Regiment waren es zusammmen 48 Offiziere und Militärbeamte sowie 1652 Unteroffiziere und Soldaten. Bis 5. Januar 1813 wurden sogar noch zwei Offiziere und 221 Mann nachgeführt. An Abgängen waren 209 Mann zu verzeichnen, darunter 180 Deserteure. Von jenen, die diesen Feldzug die ganze Zeit mitmachten, kehrten nur 26 Offiziere und 128 Mann, davon 17 Offiziere und 25 Mann mit den Fahnen, zurück.

Einer von jenen, die nicht überlebten, war der Major Helmuth von Moltke, ein Onkel und Pate des später so berühmten preußischen Generalfeldmarschalls gleichen Namens. Sein Verhalten in der Katastrophe 1812 rechtfertigt eine Lebensskizze. Im Jahre 1766 geboren, war von Moltke am 4. Februar 1782 als Sekondeleutnant in das Grenadier-Regiment von Both eingetreten. Langsam, wie damals üblich, erklomm er die militärische Rangleiter. Am 29. Februar 1788 als Premierleutnant in das Infanterie-Regiment von Gluer versetzt, weilte er bis Ende 1790 mit einem 1000 Mann starken Subsidienkorps Mecklenburg-Schweriner Truppen in den Niederlanden, um am 10. Dezember jenen Jahres als Stabskapitain in das alte Regiment zurückzukehren. Vier Jahre später wurde er Kapitain (Hauptmann) und Kompaniechef im Regiment von Pressentin und mußte nochmals in die Niederlande. Dort blieb er bis zur Heimkehr des Korps im Januar 1796. Ab 1797 diente er bis zur Auflösung des Mecklenburg-Schweriner Militärs Ende 1806 auf Befehl der französischen Besatzungsmacht im Grendier-Regiment Winter (später von Hobe bzw. Leib-Grenadier-Regiment).

Als 1808 das Militär in Mecklenburg-Schwerin im Rahmen des durch Napoleon geschaffenen Rheinbundes neu entstand, wurde der nunmehrige Major Kommandeur des 4. Bataillons. Im Jahre 1809 befehligte er die mecklenburgischen Kontingentstruppen, von denen Teile am 24. Mai bei Damgarten den Aufständischen des Majors von Schill unterlagen.

Im Jahre 1812 ging der Major von Moltke als Chef des I. Bataillons im Kontingent-Regiment in den Feldzug nach Rußland. Bis Ende März 1812 begleitete ihn seine Gattin Friederike (geb. von Strahlendorf; 1842 in Ribnitz gestorben). Das Regiment wurde im Herbst des Jahres ganz in den katastrophalen Rückzug jener sogenannten Großen Armee hineingezogen.

Am 21. Oktober verließ der Chef des Regiments, Generalmajor von Fallois, seine Soldaten mit der wohl zweifelhaften Begründung, persönlich Bekleidung für den Winter heranschaffen zu wollen. Viele Offiziere, dies ist überliefert, hatten dafür kein Verständnis.

Der Major von Moltke erhielt das Kommando, sorgte vorbildlich für die verbliebenen Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere, solange die Kräfte reichten. Schwere Erfrierungen und eine Schwächung durch Nahrungsmangel setzten seinem Leben am 18. Dezember in der Nähe des ostpreußischen Gumbinnen ein Ende.

Ein überlebender Offizier, der Premierleutnant von Stein, berichtete in seinem Tagebuch: "In einem sehr traurigen Zustande fanden wir unsern guten Major (16. Dezember - d. Verf.), als wir die Decke abnahmen. Hände, Gesicht und Füße waren ganz erfroren und zum Teil schwarz, und er vermochte nichts anderes hervorzubringen als: Essen! Essen! Damit sah's aber schlimm aus. Arnim und ich kochten unsern geringen Vorrat Mehl geschwinde und gaben es dem Unglücklichen, dessen Augen vor Freude strahlten; allein er griff mit seinen erfrorenen Händen mit solcher Gier nach dem Gefäß, daß er es gleich umwarf und sich mit dem Brei verbrannte; da fing er bitterlich an zu weinen, sein Zustand war schrecklich; mehrere Kameraden halfen nun mit mehr Vorsicht, als wir es getan. Den anderen Tag ward der Major wieder auf seinen Schlitten gebracht und fehlte schon am Abend wieder. Der treue Unteroffizier (namens Winterfeldt, stieg später noch zum Major auf - d. Verf.) kam nach einigen Tagen allein an mit der Nachricht, er habe, als er am Abend die Decke vom Schlitten genommen, den Major tot, noch einen Schneeball im Munde haltend, gefunden." Die Tradition seines I. Bataillons nahm später des Großherzoglich Mecklenburgische Grenadier-Regiment Nr. 89 auf. Sein Stab, das I. und III. Bataillon lagen in Schwerin und das II. Bataillon in Neustrelitz in Garnison. Eine Vielzahl gerade von Personalnotizen findet sich im Landeshauptarchiv Schwerin sowie in den Regimentsgeschichten, die um die Jahrhundertwende erschienen waren.

Aufgeschrieben für den MFP von Dr. Klaus-Ulrich Keubke, Militärhistoriker, Schwerin