Wie lebte der mecklenburgische Adel im 16.-18.Jahrhundert?

Mit dreyen schössen und zween stichen Jämmerlich entleibet / biß auffs Hembde außgezogen / und mit Stroh zugedeckt

Aufgeschrieben für den MFP von Claus Heinrich Bill:

Nicht alle Adeligen der Frühen Neuzeit kamen in Mecklenburg auf so grausame Weise um, wie der in schwedischen Diensten stehende Obristleutnant zu Pferd Hans Christoph v.Lehsten (1618-1643), von dem wir wissen, daß er schon in ganz jungen Jahren zu den höchsten Ehrenstellen der Armee im Ausland aufstieg. Er war von umherziehender Soldateska ausgeraubt und ermordet worden, als er sich gerade auf der Heimreise ins mecklenburgische Krentzlin befand, wo er seinen Vater besuchen wollte. Er gehörte dem mecklenburgischen Uradel an, also einer Gruppe, die schon im Mittelalter ihre Vertreter in Mecklenburg hatte und die sich vielfach in den Diensten der hiesigen Herzöge befand.

Er gehört mit zu den vielen Opfern, die der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) in Mecklenburg forderte, der ungeheuere Menschenmengen, Zivilisten wie Militärs, verschlang. Zugleich aber ist er ein Beispiel für einen möglichen Lebensweg eines typischen mecklenburgischen Adeligen im 17.Jahrhundert.

Wie nun lebte der Adel zu jener Zeit, was waren die Grundzüge der Erziehung, der Ausbildung, der Ehepartnerwahl, wie starb man? Alle diese Fragen nach dem Alltag und nach der Lebenswelt des mecklenburgischen Adels haben nun eine Antwort in einem Forschungsprojekt des Instituts Deutsche Adelsforschung gefunden, das fast 150 Leichenpredigten ausgewertet hat - die ergiebigste Quelle für diesen Zeitraum.

Betrachten wir uns daher kurz ein fiktiv gewähltes Leben eines mecklenburgischen Adeligen. Er könnte zu Ostern 1600 als Sohn eines im Lande ansässigen Gutsbesitzers geboren worden sein. Der Vater gehörte dem Uradel an, die Mutter ebenfalls, sie entstammte aus einer der benachbarten Familien, hatte eine ordentliche Mitgift in die Ehe eingebracht und bekam viele Kinder. Die meisten von ihnen aber starben schon früh, noch ganz jung, viele an den mangelnden hygienischen Verhältnissen, eines bei der Geburt, fünf an der Pest, die auch vor dem Adel nicht haltmachte. Doch unser junger Mann überlebte. Er wurde zuerst von angestellten bürgerlichen Erziehern wie einem Pastor im Hause unterrichtet, lernte lesen und schreiben und wurde in der Religion unterwiesen. Danach besuchte er eine städtische Schule, dann gab ihn der Vater auf die Universität Rostock. Zur Studienreise versandte er ihn mit einem adeligen, nur wenig älteren sogenannten Hofmeister, durch Europa, damit er lerne, wie in anderen Ländern regiert und gelebt würde. Italien war ein beliebtes Reiseziel, doch hatte der Vater nicht viel Geld, so mußte sich unser Junker mit den Niederlanden zufriedengeben. Er besichtigte dort mehrere Universitäten, ohne auf ihnen richtig zu studieren, beobachtete die Militärverfassung und die Fürstenhöfe, nahm Unterricht im Tanzen und Fechten. Nach fünf Jahren kehrte er in die Heimat zurück. Da sein ältester Bruder das väterliche Gut übernommen hatte, mußte er in Kriegsdienste gehen, so bewarb er sich beim Bischof von Bremen, wo er auch als Offiziersanwärter angenommen wurde. Damals gab es noch keine festen Heere, Regimenter wurden aufgestellt, vermietet und wieder aufgelöst, wenn man sie nicht brauchte. So zog er, in seinem Rang immer weiter aufsteigend, durch ganz Deutschland. Als sein Bruder in einem Duell und sein Vater an Altersschwäche gestorben waren, kehrte er zurück nach Mecklenburg und bewirtschaftete nun das Gut. Auch ernannte ihn der Herzog zum Rat und Vertrauten, so daß er noch einen Verwaltungsbezirk als Amtshauptmann übernahm. Eine alte Verwundung aus dem Krieg machte ihm bald zu schaffen, die wieder aufbrach und sich entzündete. Alle Mediziner konnten ihm nicht helfen, und so verstarb er, kaum 40 Jahre alt, im Jahre 1639 auf seinem Gut.

So und ähnlich verlief das Leben eines mecklenburgischen Adeligen im 17. Jahrhundert, durchaus privilegiert, aber auch gefährlich, da der Einsatz des Lebens stets selbstverständliche Pflicht war, ebenso die Übernahme von verantwortlichen Posten im Land. Nationalismus kannte der Adel nicht, war man Offizier, kämpfte man für alle Parteien. Ein hohes Maß an Selbstbeherrschung und Standesauffassung aber war vonnöten, hohe Ansprüche von Eltern und Familie lasteten auf einem Adeligen, auch auf den Töchtern, die meist für eine Rolle als Hausfrau und Mutter vieler Kinder vorbereitet wurden.

Wer sich weitergehend für dieses Thema interessiert, kann sich die Leichenpredigten in der Mecklenburgischen Landesbibliothek Schwerin anschauen und in der genealogischen Fundgrube des Onlinekataloges blättern, wo übrigens auch viele nichtadelige studierte Mecklenburger nachgewiesen sind!